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Liebesgedichte von Heinrich Seidel ( 1842 bis 1906 )





Der Vertraute

Aller sehr verliebten Seelen
Sitte ist's den Mond zu fragen.
Wenn sie sich in Sehnsucht quälen,
Soll vom fernen Lieb er sagen.

Neulich frag ich ihn: "Du gutes,
Silberhelles Aug' der Nächte,
Sieh' ich bin verlegnen Mutes,
Ob mein Lieb auch mein gedächte.

Sonst auf ihrem Kammerfenster
Sah ich oft dein mild Gefunkel,
Wenn zur Stunde der Gespenster
Ich dort unten stand im Dunkel.

Meine ganze Lieb hast du
Damals Mond erschauen müssen;
Auch in jener Laube sahst du
All die roten Küsse küssen.

Ach, du kennst ja die Geschichte.
Sprich nun ist sie treu gewesen?
Laß aus deinem Angesichte
Freundlich mich die Antwort lesen".

Doch der runde Mond - bedächtig
Schaute er auf mich hernieder!
Und mir war als wenn verdächtig
Zwinkten seine Augenlieder.

von Heinrich Seidel



Heinrich Seidel










Die Liebesgedichte dieser Textsammlung wurden von uns aus antiquarischen Büchern entnommen.

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